Zur Reihe Blickwechsel

Blickwechsel 06

Barmherzigkeit

Auch die helfende Hand ist eine offene Hand.

Stell dir vor, ausgerechnet der Mensch, dem du immer hilfst, fragt dich: «Was brauchst du?» Freust du dich? Oder möchtest du lieber rasch wieder der Helfende sein? Barmherzigkeit wird unbequem, wenn sie die Plätze nicht festschreibt. Dieses Blatt führt zu Petrus, der helfen möchte und sich doch zuerst helfen lassen muss.

Vollständiges Arbeitsblatt Blickwechsel 06: Barmherzigkeit
Eine Seite. Neun Sätze. Ein Platzwechsel.

Der theologische Kern

Der Helferplatz gehört dir nicht.

Christus dient uns, bevor er uns in Dienst nimmt. Seine Barmherzigkeit ist kein Lohn für unsere Brauchbarkeit.

Wingren schärft den Blick für Gottes Gaben, die durch menschliche Hände den Nächsten erreichen. Der erweiterte Wingren richtet diese Einsicht auch gegen unseren Stolz beim Helfen: Wer gibt, bleibt selbst ein Empfangender. Wer nichts zurückgeben kann, verliert dadurch weder seine Würde noch seinen Platz.

Johannes 13 führt diese Bewegung tiefer. Jesus macht nicht bloss eine hilfreiche Geste vor. Er lässt Petrus an sich teilhaben. Erst aus dem Empfangenen wächst das gegenseitige Dienen. Die folgende Deutung führt Wingrens Grundgedanken weiter; sie ist kein Zitat aus seinen Schriften.

Den erweiterten Wingren kennenlernen

Die neun Sätze des Arbeitsblatts

Helfen. Empfangen. Neu dienen.

01

Oft hört man hierzu ...

Barmherzig ist, wer ein weiches Herz hat und anderen hilft, obwohl er dazu nicht verpflichtet wäre.

Die einen haben Kraft, Zeit oder Geld, die anderen brauchen etwas davon.

Wer hilft, steht deshalb auf der starken Seite und sollte selbst möglichst wenig Hilfe brauchen.

02

Bei genauerem Hinsehen ...

Wir leben längst von Gottes Gaben durch fremde Hände, bevor wir selber etwas weitergeben.

Selbst Helfen kann unbarmherzig werden, wenn ich den anderen brauche, um der Starke zu bleiben.

Als Christus vor Petrus niederkniet, wehrt dieser ab; ausgerechnet der künftige Hirte muss sich zuerst die Füsse waschen lassen.

03

Christus ruft uns ...

Christus dient uns, bevor er uns in Dienst nimmt: Wir dürfen Hilfe empfangen, ohne unseren Wert durch Nützlichkeit zu beweisen.

Er ruft uns zum Menschen in Not, nicht auf einen Ehrenplatz: Wir fragen, was er braucht, statt ihm unsere Hilfe aufzudrängen.

Er befreit uns vom Retterspielen: Wir teilen Verantwortung, setzen dem Verletzen Grenzen und lassen auch andere Hände helfen.

Ein Mensch lässt seine Füsse waschen und öffnet die Hand; hinter den beiden Menschen bleibt ein hoher Stuhl mit einem Mantel leer

Das Bild denkt mit

Warum bleibt der hohe Stuhl leer?

Der hohe Helferplatz bleibt leer, der Mantel hängt noch dort; unten lässt ein Mensch seine Füsse waschen und öffnet zögernd die Hand. Welche Rolle fällt ihm schwerer: helfen oder Hilfe brauchen?

Die Papiercollage mit Graphit versetzt die Fusswaschung in unsere Gegenwart. Der leere Stuhl ist ein erfundenes Bildzeichen, kein Detail des Bibeltextes: Niemand muss über dem anderen sitzen, um für ihn da zu sein. Die Hände begegnen sich unten, dort, wo jemand tatsächlich Hilfe braucht.

«Wenn ich dich nicht wasche, hast du nicht teil an mir.»
Johannes 13,8 · Zürcher Bibel

Johannes 13 in der Zürcher Bibel lesen

Dein Blickwechsel

Wen lasse ich an mich heran?

Lies die neun Sätze und markiere den Satz, dem du am stärksten widersprechen möchtest. Notiere dann für dich: «Von wem würde ich mir ungern helfen lassen? Was will ich dabei schützen?» Ein Name muss nicht ausgesprochen werden.

Tauscht euch zu zweit darüber aus, was Hilfe würdevoll macht. Hilfe anzunehmen heisst nicht, jede Nähe oder jeden Übergriff zuzulassen. Barmherzigkeit hört auch ein Nein.

Ein Schritt: Hilfe erfragen, Hilfe annehmen oder Hilfe teilen. Was tue ich konkret?

Blickwechsel 06 als PDF öffnen

Für einen ganzen Gesprächsabend führt Heft 1: Der unterbrochene Weg zum barmherzigen Samariter. Der Blickwechsel Aggression fragt ergänzend, wie Kraft bedrohtes Leben schützt.