Zu den drei Bildsprachen

Bildsprache in Band 1

Der Expressionismus

Eine zugespitzte Kunst für Konflikt, Bewegung und Hoffnung

Expressionistische Bilder wollen eine biblische Szene nicht möglichst ruhig und wirklichkeitsgetreu nachstellen. Sie verdichten. Farbe, Bewegung und räumliche Verschiebung machen sichtbar, welche Kräfte in einer Geschichte gegeneinander arbeiten.

Farbiges expressionistisches Bild mit Kain und Abel, Christus, einer modernen Stadt und Menschen bei verschiedenen Arbeiten
Kain und Abel in der Gegenwart, expressionistisches Schlussbild aus Band 1, Buchseite 23

Nicht Schmuck, sondern Lektüre

Warum diese Bildsprache zur Bibel passt

01

Er verdichtet statt nachzustellen.

Eine biblische Geschichte kann mehrere Zeiten und Wirkungen in einem Bild versammeln. Der Expressionismus muss nicht vortäuschen, eine Kamera sei am Ort des Geschehens gewesen. Er darf zeigen, was die Erzählung heute auslöst.

02

Farbe erhält eine Richtung.

Rot kann Verletzung, Schuld und unterbrochene Gemeinschaft durch das Bild ziehen. Helle Bahnen können Wege zum Nächsten öffnen. Farbe schmückt nicht nur, sondern ordnet Kräfte und Bewegungen.

03

Der Gegensatz wird sichtbar.

Gewalt und Heilung, Festhalten und Weitergeben, Flucht und Zuwendung erscheinen gleichzeitig. Diese Spannung entspricht Wingrens Antagonismus: Gottes Handeln widerspricht dem, was Leben zerstört.

Wingren vertiefen

Der alte Text erreicht heutige Berufe und Beziehungen.

Wingren denkt Schöpfung und Evangelium nicht als zwei getrennte Stockwerke. Der Ruf Gottes erreicht Menschen mitten in ihrer Arbeit. Darum verbindet das expressionistische Bild den Acker mit Werkstatt, Schule, Klinik, öffentlichem Verkehr und gemeinsamem Tisch.

Das Bild fragt nicht nur, wer Kain war. Es fragt, wo Hände heute den Bruder schützen oder preisgeben. Damit wird die biblische Geschichte nicht beliebig modernisiert. Ihre Bewegung wird in neue Lebenszusammenhänge verfolgt.

Christus steht mit offenen Wundmalen in dieser zerrissenen Welt. Er macht Schuld nicht harmlos. Er begrenzt die Rache, reicht weiter und eröffnet eine andere Richtung. So gewinnt Wingrens Antagonismus eine sichtbare Mitte.

Farbiges expressionistisches Bild mit Kain und Abel, Christus, einer modernen Stadt und Menschen bei verschiedenen Arbeiten

Das Beispiel genauer lesen

Der verwundete Acker reicht bis in die Stadt.

Das Schlussbild zu Genesis 4 trägt den roten Riss aus dem Vordergrund in die Gegenwart. Zugleich zeigt es Tätigkeiten, die das Leben neu zum Nächsten wenden können.

01

Die Zeiten stehen nebeneinander.

Abel liegt im Vordergrund, während dahinter eine heutige Stadt arbeitet und lebt. Das Bild behauptet nicht, alles geschehe gleichzeitig. Es zeigt, dass die Frage nach dem Bruder nicht vergangen ist.

02

Christus tritt in den Riss.

Christus steht nicht über der Szene. Seine offenen Wundmale verbinden ihn mit dem Verletzten. Seine ausgestreckten Hände unterbrechen die Bewegung der Gewalt und öffnen eine andere.

03

Berufe können neu beginnen.

Werkstatt, Feld, Klinik, Schule und gemeinsamer Tisch bilden keine heile Welt. Sie zeigen Orte, an denen Hände wieder schützen, nähren, lehren und miteinander teilen können.

Wichtig zur Einordnung

Was das Bild nicht leisten soll

  • Expressionistische Farben sind keine feste Geheimschrift. Ihre Bedeutung entsteht im ganzen Bild.
  • Die Verbindung mit der Gegenwart darf den biblischen Text nicht verschlucken. Sie muss sich an seiner Bewegung prüfen lassen.
  • Christus dient nicht als dekorative Lösung. Seine Gegenwart verschärft die Frage nach Schuld, Opfer und neuem Handeln.